Donnerstag, 30. Mai 2013
Mittwoch, 29. Mai 2013
Montag, 27. Mai 2013
Sonntag, 26. Mai 2013
Montag, 20. Mai 2013
Freitag, 17. Mai 2013
Donnerstag, 16. Mai 2013
Dienstag, 14. Mai 2013
Montag, 13. Mai 2013
Mittwoch, 8. Mai 2013
Freitag, 3. Mai 2013
Mein Sport
Der Ort meiner Körperübung, das ist
der Volkspark Friedrichshain, dieser friedvolle Ort. Doch der Ort
meiner Schmerzen. Mein Herzensort, wo ich Frieden herstelle, indem
ich meine Hände um die blank polierten Stahlstreben eines
Klettergerüsts schließe. Ich führe mein Kinn an die Stange, spüre
die Kälte des Metalls durch die Stoppeln meines Barts, zwinge meinen
Rücken und meine Arme zu dieser Leistung. Zehnmal auf, zehnmal ab.
Und hänge dann zwei tiefe Atemzüge lang. Und ziehe nun beim dritten
Luftholen, weiter hängend, die Beine in die Höhe, auf dass mein
Rumpf sie heben muss. Manchmal bis zur Wagerechten, manchmal bis hoch
zum Kopf. Zehn mal. Und von neuem. Bis zum siebten Satz.
Ich habe meine Arme gelehrt, das
Gewicht meines Körpers zu tragen. Und indem ich hänge, mich
emporziehe und gegen die Schwere stemme, lernt meine Muskulatur das
Würdigste der Gewichte. Muskeln lernen durch Schwere; mein Friede
kommt aus dem Kampf ums Leichte.
Und über mir weitet sich der Himmel.
Im Schmerz scheint er mir so weitläufig wie er in der Weichlichkeit
nie sein kann. Nie scheint mir die Luft der Lunge so willkommen kühl;
mein Herz schlägt eilig. Die Ruhe zwischen den Sätzen ist ein
köstlicher Trost, ein Einüben der Erholung zum Abschluss des
sportlichen Zirkelns. Eine Stunde lernen meine Hände das Leichte
durch die Schwere.
Ein kaltes, blankes Gerüst und ein
kalter, blanker Barren. Zwei parallele Stangen über Schlamm. Ich in
Liegestütz-Haltung darauf, Hände und Zehenspitzen auf dem Metall.
Ein Meter unter mir der Dreck. Über mir der Himmel und die Eichen
und der Fernsehturm, der seine Spitze aus dem Laubwerk reckt.
Trainiere ich abends, leuchtet seine Kugel als halbhelle Lampe. Und
die Menschen sind immer um mich. Als Sportler und Ruhende. Als
Speisende und Schläfrige. Als Neugierige, Gleichgültige und
Spötter. Meine Kraft, meine Ruhe, das verstehen wenige, kommt aus
der Schwere. Meine Hände halten das Tragwürdigsten der Gewichte.
Und mein Lohn ist: Das Leichte.
Donnerstag, 2. Mai 2013
Montag, 29. April 2013
Freitag, 26. April 2013
Donnerstag, 25. April 2013
Mittwoch, 24. April 2013
Dienstag, 23. April 2013
Montag, 22. April 2013
Sonntag, 21. April 2013
Freitag, 19. April 2013
Donnerstag, 18. April 2013
Mittwoch, 17. April 2013
Dienstag, 16. April 2013
Montag, 15. April 2013
Sonntag, 14. April 2013
Samstag, 13. April 2013
Freitag, 12. April 2013
Nur ein Bier
An einem Tag, an dem ich für den
Fortgang der Dinge nichts geleistet hatte, als mich um kommende Tage
dieser Art zu sorgen, geriet ich an der Kasse meines Supermarkts
zwischen polnische Bauarbeiter. Als Dritter von Vieren fiel ich durch
den Umstand auf, dass ich kein Bier kaufte, sondern Artikel, die mich
zwei weitere dieser sorgenvollen Tage am Leben halten. Vor mir: Ein
Pole, dessen robuste Leibesform so unsinnige Sorgen strikt verbietet,
selbst wenn sie dem knolligen Kopf doch einmal entspringen sollten.
Zum Bier kaufte er Chips. Vor ihm wiederum ein schlanker, sehr
feingliederiger Pole, mit dickem schwarzem Haar, hinten gehalten von
einer ebenfalls schwarzen, inzwischen zu warmen Mütze. Spritzer
getrockneter Farbe bedeckten alles an ihm. Darin glich er seinen
Gefährten, verriet aber in allen anderen Belangen seine
Fehlbesetzung. Das schnellen Schweifmuster seiner Augen, die fein
geschnittene Schnurrbart-Frisur, die Könnerschaft, zu warten, ohne
die grobe Ungeduld der meisten Wartenden dieser Welt. Er kaufte nur
ein Bier. Von der billigsten Marke. Nur eine Flasche. Alle anderen
aber ließen drei Pullen, ebenfalls zum Tiefstpreis, das Band entlang
laufen. Der in meinem Rücken fiel mir nur dadurch auf, dass er als
einziger zum Feierabendbier auch rauchen wollte. Er nahm Zigaretten –
nicht die billigsten.
Alle rochen nach Rauch, nach frischer
Farbe, nach einer Arbeit, die den Geruch der Sauberkeit weggewaschen
hatte. Sie trugen den Geruch, den die alten Häuser verströmen, die
sie uns den ganzen Tag erneuern, von Kohle und morschem Holz und
Schutt. Ihre Finger waren geschwollen, die Nägel an den spitzen
schwieliger Würste lang und brüchig. Mit diesen Händen, dachte
ich, würde mir an einem Abend, an dem ich für den Fortgang der
Dinge nichts geleistet hatte, als mich um kommende Tage dieser Art zu
sorgen – an einem solch ihrigen Abend also – würde mir ein
einziges Bier genügen. Und ich erschiene vor meinem Gewissen nütze.
Als ich an der Reihe war, setzte die
Kassiererin ihr schiefes Lächeln kurz ab, um beim Polen nach mir
damit so fortzufahren, als habe ihr nur bei meinem Anblick kurz die
Nachsicht gefehlt.
Das Verpacken meiner Lebensmitteln
verschaffte dem Bautrupp die Zeit, aus meinem Blickfeld zu
verschwinden. Ich traf die drei draußen aber wieder – drei Mann in
Maleranzügen, einer mit zu viel Anmut – an den ornamentierten
Mauern, die alle alten DDR-Kaufhallen gefangen halten. Ich sah sie
gemeinsam die Chips des Ersten essen und die Zigaretten des Dritten
rauchen. Das einzige, was sie nicht teilen mochten, war das Bier. Das
Bier war die persönliche Habe. Es stand auf der Mauer in sichtbarer
Trennung. Zweimal drei Bier, einmal eins. Ihr Feierabend.
Donnerstag, 11. April 2013
Mittwoch, 10. April 2013
Dienstag, 9. April 2013
Montag, 8. April 2013
Sonntag, 7. April 2013
Dein Jazz wärmt nicht
Der Jazzmann setzt jetzt ab. Nun, da
dieser Menschenpulk an ihm vorbeiging, hört der Jazzmann also auf,
die goldfarbene Schlange zu küssen. Das Saxofon sinkt die Flanke
hinab. Und der Musiker – schwarzes Barrett auf schwarzem Haar,
grauer Trenchcoat, Kampfstiefel auf nassem, schmutzigem Brückenboden
– reibt seine Hände. Er spürt jetzt, dass es kälter wurde. Erst
als diese S-Bahn-Passagiere in allen möglichen Winkeln der Nacht
verschwunden sind, zeigt sich, dass sie ihn mit Achtlosigkeit
beschädigt haben. Ohne Gewähr zum Innehalten holte ihr Ziel sie an
ihm vorbei.
Der Jazzmann spielt heute Nacht wie
einer, der noch nie gespielt hat, hier auf der Warschauer Brücke.
Dem ewig provisorischen Steg zwischen der Niederung, wo die S-Bahnen
einheulen – sie heulen zehnminütlich spätfreitagnachts – und
dem dem eigentlichen Brückenungeheuer. Der Jazzmann hat den
Misserfolg um seinen Hals gehängt, obschon ihn daran keine Schuld
trifft. Er spielte eben die Melodie von „Pink Panther“, spielte
sie genügend gefühlvoll, trug Sorge für das beschwingende Näseln
seines Saxofons, tappte mit lustvoll zugekniffenen Augen vor und
zurück.
Er wollte dafür die Münzen der
Zielstrebigen – als Straßenmusiker auf einer Brücke. Einige
wenige Geldstücke schimmern jetzt in seinem kleinen Teller, dem
Spendenfänger aus Porzellan. Zu vieles ließ die Vorübergehenden
weghören, wegsehen, nicht fühlen. Das Dönerbrot, in das sich die
Zähne gruben, war wichtiger. Das Telefonat mit einer unpünktlichen
Freundin war wichtiger. Das Auskosten des Suffs war wichtiger. Der
Blick auf den Fernsehturm und das Vibrieren des Brückenstahls durch
den abfahrenden Zug, dies verhieß das Erlebnis. Nicht die Melodie.
Unschuldig sind die Missachtenden. Ihre Sinne litten an Betäubung.
Sie waren im Pulk. Dieser Jazzmann aber hat nur ein Prinzip: Er
spielt nicht für einzelne. Erst als ich der einzige auf der Brücke
bin, für fünf Minuten, erst als er die Schnapsflasche zitternd an
die Lippen führt, zeigt sich, dass er friert.
Donnerstag, 4. April 2013
Dienstag, 2. April 2013
Montag, 1. April 2013
Sonntag, 31. März 2013
Raumspree – eine Duftbesprechung
Wer den Geruch Berlins beschreiben
wollte, müsste eins vor die Beschreibung setzen: Sich eingestehen,
dass es stinkt. Dass es im Grunde genommen nur saisonmäßig duftet,
nämlich zur Blütezeit, als Gutmachung für Hundsexkremente,
öffentliche Pieselecken und laxe Hygiene. Nämlich jetzt, sofern
Jahreszeiten sich an kalendarische Pakte hielten. Da es aber anders
kam, entdeckte ich Serge Lutens "La fille de Berlin" – und musste
mich sogleich solidarisch erklären mit diesem teuren Euphemismus.
Nun ist der Geruch Berlins in der
Parfumwelt bereits umschrieben worden – man denke nur an die
Popart-Blümchennummer aus dem Hause Joop zum Mauerfall. Schrill,
spaßig und so übermütig wie die erste Nacht nach der Einheit. Aus
Lutens Werk spricht aber ein ganz ausgeschlafener Ernst, uns die
Spreestadt ins limbische System zu treiben.
Ich halte mich nicht lange mit dem
Minimalismus der Noten auf, der nur Rose und Pfeffer zuließ. Und ich
möchte der simplen Zwietracht gar nicht erst mit fachmännischen
Vokabeln beikommen, sondern mich einem Assoziationsspiel hingegeben,
das die Gelungenheit dingfester beweist.
Hinter die roten Blüten sind die
Dornen gesetzt. Riechbar wird die abgestandene Luft aus der
hundertjährigen Umnachtung von U-Bahnschächten – wie sie uns beim
Abstieg zum Bahnsteig durch die Haare bläst. Deutlich wird die
Ausdünstung von Stein, wenn die Hitze in den Straßen steht. Der
Staub von regenlosen Wochen. Der säuerliche Altbau-Muff von Häusern,
die vier Generationen ein Zuhause gaben. Ja, selbst die chlormäßige
Note der klimatisierten Luft, wie sie in unseren Doppeldecker-Bussen
aus Lüftungsgittern quilt, scheint mir erahnbar. Das alles natürlich
mit der Schlussfolgerung, dass es eines gewissen Muts bedarf, um
diesen mit Blumenkonzentrat bekämpften Ruch spazieren zu tragen.
Erst recht in dieser Stadt, wo verhältnismäßig wenige Menschen
kostspieligen Düften gewogen sind. Als atmosphärisch stimmiges
Raumspray, als Andenkduft für Hiergewesene, hat er immerhin
zweckfremden Nutzen. Alle, die ihre Hautchemie ins Spiel bringen
wollen – ich habe da eher Trägerinnen als Träger im Sinne –
genießen meine Achtung.
Und ich möchte mit dem Hinweis
schließen, dass im späten Frühling vor dem Roten Rathaus
tatsächliche Rosenbüsche Blüten treiben. Und wisst ihr was? Das
letzte Mal, als ich an den Blüten roch – fiepsten im Gestrüpp die
Ratten.
Samstag, 30. März 2013
Donnerstag, 28. März 2013
Mittwoch, 27. März 2013
Dienstag, 26. März 2013
Montag, 25. März 2013
Leere in Weiß
Nichts wächst über Distelhöhe,
nichts Gebautes im Oval. Das Tempelhofer Feld ist stadtumschlungene
Leere, Luftbrücke ohne Abhub, Kriegsrest, Nachkriegsvermächtnis,
das größte Nichts dieser Stadt. Und jetzt schläft auf dem Feld das
Weiß, zu knöchelhoher, harscher Dicke geschichtet. Als Beerdigung
des Asphalts, der Alliiertenfliegern Boden gab. Nur wenige schmale
Wege sind freigeschaufelt. Schneisen auf einem Flugplatz, an dem nun
alles irdisch ist – oder höchstens noch aufstrebt, ohne
wegzukönnen, so wie die rasenden Drachen mit ihren bunten Leibern an
steifen Leinen.
Von vorne schneidet Ostwind, malt
Menschen rote Haut, macht Schmerzen mit unsichtbaren Spitzen. Drehe
ich mich um, sticht der Sonnenschein von oben und unten. So
wolkenvertrieben. So Weiß.
„Wenn wir noch ein Stückchen gehen,
erreichen wir die Antarktis“, verspricht ein Vater dem Sohn; seine
fernen Worte trägt der Wind an mich heran. „Aber der Rückweg wird
weit“, erwidert der Junge, von der Briese an mich stenografiert.
Gleichwohl geht er mit dem Vater weiter ins Innere des Nichts. Dorthin,
wo die Winde Wakeboarder schneller zu ziehen vermögen, als ein
Skifahrer folgen kann. Wo eine Frau mit Fahrrad im Tiefschnee stecken
blieb. Auch sie wollte ohne erkennbaren Grund ins Innere des – nachdem sie auf der freigeräumten Gasse gegen den Wind getreten
hatte, als führe sie am Berg. Und nun hier, im Zentrum. Die alte
Radarkuppel ist verzweifelnd weit.
Die Gasse, von der sie abkam, zieht
sich durch den kleinen Kontinent, dient geradlinigeren
Menschen in ihren Kutten als Zubringer von einem Teil der Stadt in
die andere. Wer hier durch will, will Ostwind, Stiche, will
Nichts, will Leere, will nicht schnell ans Ziel – wenigstens für
eine halbe Stunde. Dann landet man erneut in Berlin.
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